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Karl Lippert, der "alte Fuchs"

Viele alte "Dampfpflug-Männer" sprachen von Karl Lippert als dem Experten, der bei den Dampfpflügen vollkommen Bescheid wusste und der die jungen Männer als Maschinisten anleitete. Es gelang mir, den "alten Fuchs" ausfindig zu machen, denn er lebte nach wie vor in Seehausen! 

"Ich habe drei Jahre lang auf einer Heucke-Lokomotive selbst als Maschinist gepflügt und kannte auch die harte Praxis auf dem Acker. Aber meist habe ich neue Maschinisten angelernt. Wir sind auf die Dörfer mit zum Teil vier Mann rausgefahren. Zuerst wurden die Lokomotiven repariert, dann machte die TÜ Magdeburg die Kalt- und Warmdruckprobe und stellte die Sicherheitsventile ein. Danach lernten wir mit zwei Mann die jungen Maschinisten an", erinnerte sich der gelernte Schmied, der ab 1948 insgesamt 23 Jahre lang im LIA als Schlosser arbeitete. "Das meiste Wissen hatte ich mir von August Grothe angenommen, denn es war ja alles sehende Arbeit. August Grothe hatte schon vor dem Kriege mit Dampfpflügen zu tun. Er war früher mit einer Lohnpflügerei-Firma aus Bad Pyrmont unterwegs gewesen. Der kannte alle Tricks. Wenn man ein wenig technisches Verständnis und Lust und Liebe zur Arbeit hatte, war das alles schnell zu erlernen." 

Karl Lippert schilderte, wie sie auf den Acker zum Pflügen hinausfuhren: "Die eine Lokomotive zog den angekuppelten Pflug, dessen beide Seiten festgestellt halb hochstanden. Die andere schleppte den Wohnwagen mit angehängtem Wasserwagen. Beide Wagen blieben am Anfang des zu bearbeitenden Feldes stehen. Die Maschine mit dem Pflug zog bis an den Ausgangspunkt, wo das Pflügen beginnen sollte, vor, schwenkte mit dem Pflug auf das Feld und kuppelte ihn ab. Dann hängte sie sich das Seil der zweiten Maschine, die bis auf ihre Höhe nachgekommen und nun am Feldrand stehengeblieben war, ein und fuhr mit deren Seil im Schlepp über den Acker. Drüben angekommen, ging sie in Position, und die zurückgebliebene Lokomotive zog mit ihrem Seil das Seil der anderen zurück. Danach konnten beide Seilenden am Pflug angekuppelt und mit dem Pflügen begonnen werden."

Neben dem Kipp-Pflug wurde zugleich an einem etwa drei Meter langen Ausleger eine Walzenegge mit drei Metern Arbeitsbreite mitgezogen, um sofort die großen Schollen und Klumpen zu zerkleinern. Die Egge trug einen Rahmen mit Kette, die am Pflugausleger angekoppelt war. Nach dem Pflugwenden wurde auch immer der Rahmen der Egge gewendet. 

Und so wurde der Pflug umgesetzt: "Wenn die ziehende Lokomotive den Kipp-Pflug soweit zu sich herangezogen hatte, dass die hochstehende Pflughälfte bis kurz vor die Lücke zwischen Schornstein und Zylinder ragte, kuppelte der Maschinist die Seiltrommel aus und rückte um zwei Arbeitsbreiten vor. Der Pflug blieb zurück. Die Pflug-Mannschaft packte den hochstehenden Stert und zog ihn herunter. 

Nun musste die gegenüberstehende Lokomotive ihr Seil langsam anziehen, und die Mannschaft richtete am Stert den Pflug auf die Einlauffurche aus. Die bisher hochstehende Pflugseite wurde mit der sinnreichen Antibalance-Mechanik gekippt und schnitt nun in die Erde ein. Der Lenker sprang auf seinen Sitz und steuerte die großen Räder in die neue Furche. Der Schwanzreiter hängte das lockere Seil in den Stert-Haken, um damit zusätzlich die Richtung zu halten, und setzte sich zum Beschweren auf seinen Sitz." 

Der Pfluglenker stand bei der Anfahrt der Lokomotiven zum Feld als Lokomotiven-Lenker außerhalb des Maschinistenstandes auf einer großen Kiste hinter dem linken Hinterrad (bei Rechtslenkung hinter dem rechten Hinterrad) und steuerte von dort aus die Lokomotive. Der Maschinist bediente die Dampfmaschine, speiste den Kessel mit Wasser und versorgte das Feuer. 

Karl Lippert bestätigte, was schon Heinz Schneider erzählt hatte: Wenn die Lokomotive auf nassem Acker oder morastigem Feldweg versackt war, konnte mit schnellem, umsichtigem Handeln der Mannschaft viel gerettet werden. Zuerst musste man sofort das noch freie Hinterrad auskuppeln. Dazu war der Mitnehmerbolzen herauszuziehen, der das Rad von der angetriebenen Hinterachse abkuppelte. Dann wurde unter das versackte Hinterrad Holz geschoben und versucht, sich mit eigener Kraft langsam herauszudrehen. War die andere Maschine in der Nähe, hat sie die eingesackte mit einem Seil herausgezogen. "Das war meist nicht so wild, da kamen wir schnell wieder raus", so Karl Lippert. Manchmal half auch eine Lanz-Bulldog-Raupe, wenn sie in der Nähe war.

Gruppe Lippert
Die Gruppe von Karl Lippert mit ihren Lokomotiven.
(Slg. W. List)


Feldschmiede Grothe
Feldschmiede von August Grothe. Er vermittelte sein Wissen an Karl Lippert.
(Slg. W. List)


Pflugfahrt
Pflugfahrt. Gut zu erkennen sind der Schwanzreiter und der Pfluglenker.
(Slg. W. List)


Versackte Lokomotive
Wenn die Lokomotive auf nassem Acker oder morastigem Feldweg versackt war, konnte mit schnellem, umsichtigem Handeln der Mannschaft viel gerettet werden.
(Slg. W. List)


Raupe mit Lokomotive
Die Lanz-Bulldog-Raupe schleppt eine Lokomotive.
(Slg. W. List)
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